Bürgermeister in Hammelburg - 19. Jahrhundert

 


Quelle: Mainpost 17.08.2004, "Fortschritt auch in schweren Zeiten", Pressebericht von Winfried Benner zu einem Vortrag von Altbürgermeister Karl Fell im Geschichtskreis Hammelburg (2004) 


 

 

 

Hammelburg im 16. Jahrhundert (Foto: privat)

 

Bis 1802:        

 

Die Bürgermeister hießen "Stadtschultheiß" oder "Oberamtmann". Sie wurden nicht von der Bürgerschaft gewählt, sondern vom fuldaischen Oberamt ernannt. Ihre Aufgabe war, Befehle und Weisungen der Regierung bekannt zu geben, Erlasse zu verkünden und zu vollstrecken. 1802/03 kam der große politische Umbruch durch Napoleon Bonaparte. Das Hochstift Fulda, zu dem Hammelburg seit 777 n. Chr. gehörte, wurde aufgelöst. Der letzte Fürstbischof Adalbert von Harstall trat die weltliche Herrschaft an Fürst Wilhelm I. von Oranien Nassau, Statthalter der Niederlande, ab. Das Fürstenhaus Oranien-Nassau, das auf der Seite Napoleons stand, beherrschte Hammelburg bis 1810, danach wurden Fulda und Hammelburg verwaltungsmäßig dem Fürstprimas des Rheinbundes, Karl Theodor von Dalberg, unterstellt.

 

 

Um 1810: 

 

Unter französisch-napoleonischer Herrschaft (1802 - 1816) hießen die Bürgermeister "Maire". Sie wurden wie bisher von der Regierung ernannt. Der "Code civile" wurde auch in Hammelburg eingeführt. Der "Maire" hatte dessen Beachtung durchzusetzen. Die Leibeigenschaft und das Zunftrecht wurden aufgehoben. Handwerker bekamen das freie Niederlassungsrecht. Dies führte um 1804 zum Zuzug auswärtiger Handwerksmeister. Juden wurde die freie Religionsausübung gewährtleistet, es wurde das Matrikelrecht eingeführt: eine bestimmte Anzahl von jüdischen Männern durfte sich im Ort niederlassen. Weiterhin galten aber für Juden Berufsbeschränkungen und die freie Niederlassung wurde Juden erst 1861 gewährt.

 

 

Um 1812:   Andreas Sell

 

Ein Bürgermeister (Maire) der französischen Zeit in Hammelburg war Andreas Sell. Er wehrte sich gegen die Planungen der damaligen Regierung unter dem Fürstprimas des Rheinbundes, Karl Theodor von Dalberg, die höheren Schulen zu zentralisieren und das 1669 gegründete Hammelburger Franziskaner-Gymnasium im Kloster Altstadt aufzulösen. Die Auflösung kam 1817 unter bayerischer Herrschaft. Am 14. April 1816 wurde Hammelburg bayerisch durch den "Münchner Vertrag" zwischen Österreich und Bayern. 

 

 


 

 

Von 1816 - 1854:   A. Rinecker, H. Hahn, H. Zimmermann, G. A. Schultheiß

 

Die Bürgermeister von 1816 - 1854 hießen: Andreas Sell, A. Rinecker, H. Hahn, H. Zimmermann und G. A. Schultheiß (bis 1854). In diese Zeit fiel der Bau des Hammelburger Gefängnisses (1835 - 1837) durch König Ludwig I. Es war die Zeit des "Vormärz", in der Bürgerinnen und Bürger mehr Demokratie und Freiheitsrechte einforderten, eine Verfassung, freie Wahlen und die Öffentlichkeit der politischen Beratungen und Beschlussfassungen, sowie die Öffentlichkeit von Gerichtssitzungen. Unter dem Druck der Vormärz- und Demokratiebewegung musste König Ludwig I. 1848 abdanken und zurücktreten.

 

 

Mit dem Übergang in das Königreich Bayern erhielt Hammelburg folgende Ämter: das Forstamt 1816, das Finanzamt und ein Landgericht 1819. Das Forstamt nahm seinen Sitz im ehemaligen städtischen Forsthaus (heute Bahnhofstraße 18), erbaut laut Denkmalliste um 1775. Das Finanzamt und das Landgericht zogen ins Kellereischloss ein, in die einstige Sommerresidenz der Fürstäbte von Fulda. Das Finanzamt blieb dort bis in die Nachkriegszeit. Das Landgericht erhielt um 1912 ein eigenes, repräsentatives Gebäude vor dem Obertor. 1837 kam auch eine Postexpedition nach Hammelburg. Nach 1816 verwandelte sich Hammelburg in eine Stadt der Ämter. Der bayerische Staat versuchte schon damals, strukturschwache Regionen durch Ämteransiedlungen zu fördern. Die Königliche Postexpedition zog 1862 in ein erbautes Gebäude an den Marktplatz um (heute Volksbank- Raiffeisenbank Hammelburg, Am Marktplatz 11).

 

 


 

 

1854 - 59:  Baptist Rauck

 

Die Amtszeit des Bürgermeisters Baptist Rauck stand ganz unter der Bewältigung des verheerenden Stadtbrandes, der am 25. April 1854 zwei Drittel der Gebäude der Stadt zerstörte. Am 3. April 1855 fasste der damalige Magistrat einen folgenreichen Beschluss: Türme, Stadttore und Stadtmauern durften zum Wiederaufbau abgetragen werden. 1855/56 wurde das Rathaus wieder aufgebaut (links im Bild). Auch die vom Brand stark beschädigte Volksschule wurde 1856 neu erbaut (rechts im Bild). 1858, vier Jahre nach dem Stadtbrand, gründete sich eine Freiwillige Feuerwehr in Hammelburg.

 

   

 

 

 

 


 

 

1860 - 65:   Johann Andreas Pfaff

 

Unter Bürgermeister Johann Andreas Pfaff wurde das niedergebrannte Stadtzentrum rund um den Marktplatz im sog. "Maximiliansstil", benannt nach dem bayer. König Maximilian II. (Amtszeit: 1848 - 1864), wieder aufgebaut. Am Wiederaufbau waren auch jüdische Kaufleute beteiligt: die Familien Schlessinger, Meyer, Stern, Nussbaum und Katz. In der Zeit von 1860 - 65 erfolgte auch der Wiederaufbau des Bürgerspitals mit Kirche. Johann Andreas Pfaff holte Ordensfrauen aus Augsburg, die sog. "Sternschwestern", nach Hammelburg für die stationäre und ambulante Krankenpflege.

 

 

Hammelburg im Sommer 1863 - Haus des Bürgermeisters Johann Andreas Pfaff,

erbaut im Maximiliansstil mit Lisenengliederung.

Später Haus der jüdischen Familie Adolf Nussbaum (Bahnhofstraße 3), 1936/37 arisiert und umgebaut

durch die NS-Bezirkssparkasse Hammelburg unter Dr. Maximilian Raab

 

1862 wurde das Bezirksamt Hammelburg gegründet und im Kellereischloss eingerichtet. Namensmäßig bestand das Amt bis 1939. Die Nationalsozialisten führten 1939 eine Verwaltungsreform durch, das Bezirksamt hieß fortan "Landratsamt". Ab 1939/40 hatte der Bezirk Hammelburg erstmals einen Landrat: Hermann Dauer (1940 - 1942). Vor Beginn der Judendeportationen im Bezirk Hammelburg (April 1942) wurde H. Dauer nach Münster strafversetzt. Der Bad Kissinger NS-Landrat Otto Groß übernahm von April 1942 bis Kriegsende 1945 die Amtsgeschäfte im Landratsamt Hammelburg.

 

 


 

 

 

1865 - 69:   Johann Rienecker

 

Unter Bürgermeister Johann Rienecker erlebte die wiederaufgebaute Stadt eine erneute Zerstörung. 56 Gebäude wurden am 10. Juli 1866 beim "Gefecht um Hammelburg" von der preußischen Artillerie in Brand geschossen. In der "Chronik der Stadt Hammelburg" heißt es zum Gefecht von 1866:

"Durch das preußische Artilleriefeuer waren in der Stadt Brände ausgebrochen, die immer größeren Umfang annahmen (...) Am 11. Juli lagen 56 Gebäude, darunter 22 Wohnhäuser, in Schutt und Asche. Nach ihrem Einzug in die Stadt, forderten die Feinde hohe Contributionen von der Stadtverwaltung (...) Massenhafte Einquartierung erfolgte und die Schrecken des Tages wichen einer noch schrecklicheren Nacht. Selbsteinquartierungen, gewaltsame Wegnahme von Lebensmitteln und Wein, berauschte Soldaten. Um nachts 1/2 12 Uhr das nochmalige Heulen der Feuerglocke, worauf jedoch niemand mehr achtete. Denn jeder hatte im eigenen Haus genug zu tun, um die anspruchsvollen Gäste zufriedenzustellen." - Ullrich Heinrich, Chronik der Stadt Hammelburg, Seite 172.

Am 20. Nov. 1866 besuchte König Ludwig II. Hammelburg und versprach der kriegsversehrten Stadt finanzielle Hilfe. Der 21. Landtag des Königreiches Bayern dauerte von Juni bis Sept. 1863 und wurde danach 18 Monate lang vertagt. 1864 starb König Maximilian II. Unter seinem Sohn und Nachfolger Ludwig II. trat der 21. Landtag am 27. März 1865 erstmals wieder zusammen, am 11. Juli 1865 wurde er beendet. Der 22. Landtag tagte von Mai 1866 - April 1869. 

 

1869 beschloss der 22. bayerische Landtag eine neue Gemeindeordnung, die das Gemeindeedikt von 1818 ablöste. Auch nach 1869 durfte in Städten und Gemeinden nur eine bestimmte Gruppe von Bürgern, die Grundbesitz und Einkommen nachweisen konnten, das Wahlrecht ausüben. Nach der Wahlordnung vom 5. Aug. 1818 wählten diejenigen Bürger, die das sog. Bürgerrecht und Wahlrecht besaßen, Wahlmänner. Die Wahlmänner wählten dann die Gemeindebevollmächtigten, die wiederum den Bürgermeister und Magistrat bestimmten. Mit der neuen Gemeindeordnung vom 29. April 1869 wurden die Wahlmänner abgeschafft. Die geheime und direkte Wahl der Gemeindebevollmächtigten ohne Wahlmänner wurde eingeführt. Nach wie vor durften jedoch nur diejenigen Bürger das aktive und passive Wahlrecht ausüben, die Grundbesitz und Einkommen nachweisen konnten. Diese Gemeinde- und Wahlordnung bestand in Bayern bis 1919, bis zur Münchner Räterepublik.