Lokalgeschichte: Bürgermeister in Hammelburg - 19./20. Jahrhundert 


 

 

1802 – 1854:                                Andreas Sell, A. Rinecker, H. Hahn, H. Zimmermann, G. A. Schultheis

 


Die Bürgermeister des frühen 19. Jahrhunderts wurden von der französischen Regierung (1802 - 1816) ernannt. Es gab zu dieser Zeit noch keine freien demokratischen Wahlen. Die Bürgermeister dieser Zeit wurden "Maire" genannt (französ. Bürgermeister). 1816 kam Hammelburg zum Königreich Bayern. 1818 wurde erstmals auf kommunaler Ebene politische Vertretungsgremien geschaffen. Das aktive und passive Wahlrecht zu diesen Gremien war jedoch an die Verleihung des Bürgerrechts gebunden. Nur wer das "Bürgerrecht" innehatte, durfte wählen und konnte gewählt werden. Frauen hatten im 19. Jahrhundert grundsätzlich kein Wahlrecht. Nach der bayerischen Wahlordnung vom 5. August 1818 wählten Männer, die das Bürgerrecht hatten, Wahlmänner, die dann die Gemeindebevollmächtigten und den Bürgermeister (Stadtschultheißen) bestimmten. Die Wahlen in der ersten Hälfte des 19. Jh. waren noch nicht geheim und nicht direkt.


 

1854 – 1859:                                Baptist Rauck

1860 – 1865:                                Johann Andreas Pfaff

1865 – 1869:                                Johann Rienecker

 

1870 – 1872                                 Johann Andreas Pfaff (+ 1872)

1872 – 1877                                 Carl Anton Happ, Gerbermeister  (*1814 +1877)

1877 – 1884                                 Josef Benkert

1885 – 1899                                 Carl Jakob Happ, Gerbermeister, E-Werks-Gründer  (*1849 +1917)

 

1900 – 1903                                 Valentin Kihn, (Brauereibesitzer (*1852 +1903)

1903 – 1916                                 Karl Uhl (*1845 + 1916), Schlossermeister

1916 –  26.10.1930                     Carl Michelbach, Kaminkehrermeister, Gewerberat (*1869 +1940)

14.12.1930 – 25.03.1933            Josef Alois Schlereth, Gärtnerei- und Baumschulenbesitzer (*1884 +1943)

 

April 1933 – Okt. 1935                Raymund Rüth, Rechtsanwalt, NSDAP (nicht demokratisch gewählt)

01.05.1936 – 07.04.1945            Karl Clement (*1897 + 1976), NSDAP : nicht demokratisch gewählt, Kaufmann

 

01.05.1945 – 1946                       Adam Marterstock  (*1869 + 18.1.1946), Schlossermeister

 


 

Nach den dramatischen Tagen des Kriegsendes in Hammelburg (26. März - 7. April 1945) ernannten die Amerikaner den damals 76-jährigen Adam Marterstock (geb. 3.3.1869 in Hammelburg), Mitglied der SPD seit 1919, zum kommissarischen und verwaltenden Bürgermeister. Der Schlossermeister war langjähriger Stadtrat der Weimarer Zeit bis 1933. Am 25. März 1933 musste er von seinem Mandat zurücktreten, andernfalls wäre er verhaftet worden und ins KZ Dachau gekommen. Die folgenden Jahre der NS-Diktatur waren eine äußerst schwierige Zeit der Abwägung, um die eigene Familie nicht zu gefährden. Der Schlossermeister trat nicht in die NSDAP ein, um städtische oder staatliche Aufträge zu erhalten. Er blieb seiner politischen Grundhaltung treu und ist ein Beispiel dafür, dass man in der NS-Zeit nicht Mitglied der NSDAP sein musste, um als Handswerksmeister sein Auskommen zu haben.

 

 

Adam Marterstock, Schlossermeister, Stadtrat der Weimarer Zeit (SPD) und Kämpfer gegen den Nationalsozialismus, mit seiner evangelischen Frau und Kindern um 1905 (Foto: Peter Zoll).

 

 

Der Schlossermeister erwarb nach 1900 das Haus des jüdischen Viehhändlers Moses Stern in der Bahnhofstraße 33 (alte Hs. Nr. 65). Moses Stern, geb. 1840 in Völkersleier, gest. am 7.8.1900 in Hammelburg, war Mitglied der Pflichtfeuerwehr Hammelburg (Stöckner Seite 123, Stadtarchiv Hammelburg). Er war verheiratet mit Adelheid; die jüdische Familie hatte sieben Kinder, die nicht in Hammelburg ansässig blieben, sondern das Haus nach dem Tod des Vaters verkauften. Fotoaufnahme um 1915 (Peter Zoll).

 

Nach dem Ende der Nazi-Diktatur 1945 versuchte Adam Marterstock zusammen mit den Amerikanern ein demokratisches Gemeinwesen wieder aufzubauen. In erster Linie ging es 1945/46 um die Bewältigung des großen Flüchtlingszustroms nach Hammelburg. Es mussten Unterkünfte, Betten und Nahrungsmittel organisiert werden. Adam Marterstock erlitt am 18. Januar 1946 bei einer Sitzung im Rathaus einen Herzinfarkt und starb.

Es folgten elf Tage später, am 27. Januar 1946, die ersten freien demokratischen Kommunalwahlen nach Ende der Nazi-Diktatur. Am 10. Januar 1946 hatte der amerikanische Militärkommandat für den Landkreis Hammelburg, Major Edmund Emry, drei Parteien die Erlaubnis zur politischen Betätigung gegeben: der SPD, der CSU und der Kommunistischen Partei. 

Am 19. September 1945 wurde der Freistaat Bayern neu gegründet. Der erste von den Amerikanern bereits im Mai 1945 ernannte Nachkriegs-Ministerpräsident war Fritz Schäffer (CSU). Da dieser zu wenig für die Entnazifizierung des öffentlichen Dienstes tat, wurde Schäffer vier Monate später am 28. September 1945 von den Amerikanern seines Amtes wieder enthoben. Sein Nachfolger wurde Wilhelm Hoegner (SPD), der als Vater der bayerischen Verfassung gilt.

Das ehemalige Kriegsgefangenenlager Hammelburg wurde von den Amerikanern ab Juni 1945 in ein Internierungslager für nationalsozialistische Funktionäre und Amtsträger umgewandelt. Von 1945 - 1948 waren im Internierungs-Camp Hammelburg bis zu 6000 Ex-Nazis aus dem gesamten ehemaligen Gau Mainfranken Würzburg/Aschaffenburg interniert, die auf ihr Spruchverfahren warteten.

Die Spruchkammer des Landkreises Hammelburg nahm 1946 ihre Arbeit auf. Wer von der Spruchkammer in die Schuldgruppe 1 (hauptbelastet) oder 2 (belastet) eingeordnet wurde, hatte auf weitere Jahre hin keine Aussicht auf Arbeit und Sozialhilfe für die Familie. Deshalb klagten sich sehr viele ehemalige Nationalsozialisten mithilfe von Rechtsanwälten und Entlastungszeugen herunter in die Schuldgruppen 3 - 5 (3: minderbelastet, 4: Mitläufer, 5: nicht belastet). 

 


 

1946 – 1948                                 Adam Kaiser (*1900 +1987), Buchbindermeister, Landrat 1948 - 1970 

1948 – 1951                                 Michael Weber (*1889 +1954)

1951 – 1952                                 Karl Wankel

1952 – 1957                                 Karl Kaiser (+ 1957), Direktor der Raiffeisenbank Hammelburg

1957 – 1966                                 Dr. Heinz Meyer, Rechtsanwalt

1966 – 1984                                 Karl Fell (*1920 + 2012), Beamter des Landratsamtes HAB 1938 - 1966

1984 - 1990                                  Elmar Hartung (*1930 + 2016), Berufsschullehrer

1990 - 2002                                  Arnold Zeller (*1937 + 2015), Richter

 

 

Die Bürgermeister des 19. und frühen 20. Jahrhunderts übten ihre Tätigkeit ehrenamtlich neben ihrem Beruf aus. Einen hauptamtlich angestellten Bürgermeister gab es in Hammelburg erst seit 1. Mai 1936.

 

Quellennachweise: Karl Fell, Vortrag im Geschichtskreis Hammelburg, August 2004, und  "Der Landkreis Hammelburg 1862 -1972", Hammelburg 1989; Hammelburger Zeitung 1933 – 1936, Stadtarchiv Hammelburg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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